♕ In Memoriam · Große Persönlichkeiten
Richard von Weizsäcker
Bundespräsident - (Richard Karl Freiherr von Weizsäcker)
"Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft"
— Rede zum 40. Jahrestag der Beendigung des Krieges, 8. Mai 1985
- ✶ Geboren: Stuttgart
- 十 Gestorben: Berlin-Dahlem
- ✦ Beigesetzt: Berlin (Waldfriedhof Dahlem, 2015)
Kurzbiografie
Richard Karl Freiherr von Weizsäcker wurde am 15. April 1920 in Stuttgart als fünftes Kind von Ernst von Weizsäcker und Marianne von Weizsäcker geboren. Er entstammte der Öhringer Linie des pfälzisch-württembergischen Adelsgeschlechts Weizsäcker. Sein Großvater, Karl Hugo von Weizsäcker, war württembergischer Ministerpräsident und wurde 1916 in den erblichen Freiherrenstand erhoben. Die Familie lebte aufgrund der diplomatischen Tätigkeit des Vaters in mehreren Ländern. Richard von Weizsäcker besuchte die Deutsche Schule St. Petri Kopenhagen, das Gymnasium Kirchenfeld in Bern und legte 1937 sein Abitur am Bismarck-Gymnasium in Berlin-Wilmersdorf mit knapp 17 Jahren ab. Von 1938 wurde er zum Reichsarbeitsdienst eingezogen und trat im Herbst 1938 in eine Maschinengewehrkompanie des Infanterie-Regimentes 9 der Wehrmacht ein, das die Tradition der preußischen Gardeinfanterie fortführte. Sein älterer Bruder Heinrich fiel am 2. September 1939 bei der Schlacht in der Tucheler Heide. Richard von Weizsäcker nahm ab Juli 1941 am Unternehmen Barbarossa teil, wurde im selben Monat verwundet und erhielt das Eiserne Kreuz 2. Klasse. Er kämpfte in der Schlacht um Moskau und an der Leningrader Blockade. 1942 wurde er zum Ordonnanzoffizier beim Oberkommando des Heeres versetzt. Anfang 1944 erhielt er das Eiserne Kreuz 1. Klasse und wurde zum Hauptmann der Reserve befördert. Er freundete sich mit den Widerstandskämpfern des 20. Juli 1944 Axel von dem Bussche und Fritz-Dietlof von der Schulenburg an. Im Januar 1945 vernichtete er einen Rückrufbefehl in Wartenburg und schützte Hermann Priebe vor der Gestapo. Im März 1945 wurde er leicht verwundet. Sein Kommandeur schlug ihn für die Ehrenblattspange vor, zur Verleihung kam es nicht mehr. Er beging Fahnenflucht nach Lindau und gelangte so ohne Gefangenschaft durch das Kriegsende. Ab 1945 studierte er Rechtswissenschaft mit Nebenfach Geschichte an der Universität Göttingen, das er 1950 mit dem ersten juristischen Staatsexamen beendete. Nach dem zweiten Staatsexamen 1953 promovierte er im Juli 1955 zum Dr. jur. mit der Dissertation "Der faktische Verein". Von 1950 bis 1953 arbeitete er bei der Mannesmann AG in Gelsenkirchen, danach in der Rechtsabteilung in Düsseldorf. Von 1955 war er Prokurist, von 1957 Leiter der wirtschaftspolitischen Abteilung. Von 1962 bis 1966 war er Mitglied der Geschäftsführung von Boehringer Ingelheim. Ab 1954 war er CDU-Mitglied. Von 1966 bis 1984 gehörte er dem CDU-Bundesvorstand an. 1968 wurde er als CDU-Kandidat für das Bundespräsidentenamt vorgeschlagen, unterlag aber in der Kampfabstimmung. Von 1969 bis 1981 war er Mitglied des Deutschen Bundestages. Von 1973 bis 1984 war er Vizepräsident, dann Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Bei der Bundespräsidentenwahl 1974 war Weizsäcker Kandidat als sogenannter "Zählkandidat". 1979 wurde er Spitzenkandidat der CDU bei den Berliner Wahlen. Von 1979 bis 1981 war er Vizepräsident des Deutschen Bundestages. 1981 wurde er Regierender Bürgermeister von Berlin und stand einem Senat vor, der zunächst als Minderheitsregierung fungierte; im März 1983 bildete er eine Koalition mit der FDP. Als Regierender Bürgermeister besuchte er als erster im September 1983 die DDR und wurde von Erich Honecker empfangen. Unter seiner Regie gelang 1983 die friedliche Lösung des Hausbesetzerkonflikts durch Gründung des alternativen Sanierungsträgers STATTBAU. Am 23. Mai 1984 wurde Weizsäcker zum sechsten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland gewählt. Er ließ seine Parteimitgliedschaft ruhen und nahm diese nach dem Ende seiner Amtszeit nicht wieder auf. Bei der Wahl am 23. Mai 1989 wurde er im Amt bestätigt; es war die einzige Wahl eines Bundespräsidenten, bei der es nur einen Bewerber gab. Seine legendäre Rede vom 8. Mai 1985 zum 40. Jahrestag der Beendigung des Krieges führte einen Paradigmenwechsel der deutschen Vergangenheitspolitik herbei, indem er den 8. Mai 1945 als "Tag der Befreiung" würdigte. In seiner Amtszeit fiel die deutsche Wiedervereinigung. Er wurde das erste Staatsoberhaupt des wiedervereinten Deutschlands. In der Zeit übte er 1992 schwere Kritik an den deutschen Parteien und ihrer Kontrolle auf die Gesellschaft. Im Januar 1994 verlegte er den ersten Amtssitz des Bundespräsidenten von der Villa Hammerschmidt in Bonn zum Schloss Bellevue in Berlin. Seine zweite Amtszeit endete am 30. Juni 1994. Er war von 1964 bis 1970 und von 1979 bis 1981 Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentags. Von 1967 bis 1984 gehörte er der Synode und dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland an. Nach seiner Präsidentschaft war er von 1995 bis 2000 Jurymitglied des Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreises und von Mai 1999 bis Mai 2000 Vorsitzender der Weizsäcker-Kommission zur Gemeinsamen Sicherheit und Zukunft der Bundeswehr. Ab 2002 gehörte er dem Kuratorium des Hannah-Arendt-Zentrums an. Ab 1995 leitete er als Co-Präsident eine vom UN-Generalsekretär Boutros-Ghali einberufene Kommission zur Neuorganisation der Vereinten Nationen. Er war Gründungsmitglied der American Academy in Berlin und zahlreicher weiterer Institutionen. Richard von Weizsäcker starb am 31. Januar 2015 im Alter von 94 Jahren in Berlin-Dahlem. Am 11. Februar 2015 fand ein Staatsakt im Berliner Dom statt, bei dem Bundespräsident Joachim Gauck eine Ansprache hielt. Weizsäcker wurde auf dem Waldfriedhof Dahlem beigesetzt und erhielt ein Ehrengrab der Stadt Berlin. Seit dem 8. Oktober 1953 war Weizsäcker mit Marianne von Kretschmann verheiratet. Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor: Robert Klaus (geb. 1954), Andreas (1956–2008), Marianne Beatrice (geb. 1958) und Fritz Eckhart (1960–2019).