Die evangelische Bestattung ist geprägt durch die Reformation Martin Luthers und unterscheidet sich in vielem von der katholischen Tradition. Sie ist schlichter, persönlicher und stärker auf das gesprochene Wort ausgerichtet. Das Zentrum bildet die Predigt — nicht die Eucharistiefeier. In Deutschland gehören rund 17,3 Millionen Menschen einer evangelischen Landeskirche an (EKD-Gemeinschaft, Stand 2024).
Im Mittelpunkt der evangelischen Trauerfeier steht das Wort Gottes — Bibellesungen, Predigt und gemeinsam gesungene Choräle. Die Predigt ist persönlich-biographisch: Der Pfarrer oder die Pfarrerin würdigt das Leben des Verstorbenen, erinnert an ihn und stellt sein Leben in den Trostzusammenhang des christlichen Glaubens.
Charakteristisch für die evangelische Bestattung ist die Einfachheit — kein Weihrauch, kein Weihwasser, kein Rosenkranz, keine Marienanrufung. Stattdessen: das gemeinsame Singen, die Bibel, das Glaubensbekenntnis und die Hoffnung auf die Auferstehung allein durch Gottes Gnade (sola gratia).
Gut zu wissen: Die evangelische Kirche kennt keine Hierarchie zwischen Geistlichen und Laien in dem Sinne, dass nur der Pfarrer „mehr darf". In manchen Gemeinden begleiten ehrenamtliche Trauerbegleiter oder Lektoren die Trauerfeier mit. Auch Frauen sind als Pfarrerinnen vollständig gleichberechtigt — etwas, das die evangelische Kirche von der katholischen unterscheidet.
Die evangelische Kirche kennt kein Sakrament der Krankensalbung wie die katholische Kirche. Stattdessen steht die seelsorgerliche Begleitung im Mittelpunkt — geprägt durch Wort, Gebet, Bibellesung und auf Wunsch das Abendmahl.
Wenn der Sterbende es wünscht, kann die Pfarrerin oder der Pfarrer das Abendmahl spenden — als „Sakrament der Wegzehrung". Anders als in der katholischen Eucharistie versteht die evangelische Theologie das Abendmahl nicht als Wiederholung des Opfers, sondern als Erinnerung und Glaubensstärkung. Brot und Wein werden in beiderlei Gestalt gereicht — etwas, das in der katholischen Kirche heute auch üblich ist.
In Krankenhäusern, Hospizen und Altenheimen sind evangelische Krankenseelsorger fest integriert. Sie kommen nicht nur in der Sterbestunde, sondern begleiten oft Wochen oder Monate. Sie sprechen mit Sterbenden über Lebensbilanz, Vergebung, Hoffnung und Tod.
Eine besondere Form der evangelischen Sterbebegleitung ist der Segen für Sterbende. Der Pfarrer legt die Hände auf den Sterbenden und spricht den aaronitischen Segen oder einen Sterbesegen. Sehr verbreitet ist auch das gemeinsame Beten von Psalm 23 („Der Herr ist mein Hirte") oder das Singen vertrauter Choräle.
Die evangelische Tradition kennt keine vorgeschriebenen rituellen Handlungen bei der Versorgung des Verstorbenen. Die hygienische Versorgung übernimmt das Bestattungsinstitut — unkompliziert und schlicht.
Der Verstorbene wird in persönliche oder festliche Kleidung gekleidet — oft einfach die Lieblingskleidung. Typische evangelische Beigaben sind schlichter als in der katholischen Tradition:
Die Aufbahrung ist weniger zentral als in der katholischen Tradition. In manchen ländlichen Regionen Norddeutschlands ist sie noch verbreitet — meist aber nicht im Wohnzimmer, sondern in der Trauerhalle des Friedhofs oder einer kleinen Kapelle. Häufiger als in der katholischen Kirche wird mit geschlossenem Sarg gearbeitet.
Die Aussegnung ist eine kurze evangelische Andacht am Sarg — oft kurz vor der Trauerfeier. Der Pfarrer:
Die Aussegnung ersetzt im evangelischen Bereich die katholische Vigil — sie ist deutlich kürzer (10–20 Min.) und schlichter.
Die evangelische Bestattung folgt der Agende für Bestattungen — einem liturgischen Buch, das die Grundstruktur vorgibt, aber viel Flexibilität für persönliche Gestaltung lässt. Eine typische Trauerfeier dauert 30 bis 45 Minuten.
Die Trauerfeier beginnt mit dem Glockengeläut. Der Pfarrer empfängt den Sarg an der Kirchentür oder im Eingang der Trauerhalle.
Begrüßung, gemeinsam gesprochener Psalm (oft Psalm 23 oder Psalm 90), kurzes Eingangsgebet.
Eine Schriftlesung aus dem Alten oder Neuen Testament. Anschließend wird gemeinsam ein Choral gesungen — z.B. „Wer nur den lieben Gott lässt walten" oder „So nimm denn meine Hände".
Das Herzstück der evangelischen Trauerfeier. Die Predigt dauert 10–15 Minuten und ist persönlich-biographisch gestaltet — der Pfarrer würdigt den Verstorbenen, erinnert an seine Lebensgeschichte, an einen biblischen Text und stellt sein Leben in den Glaubenshorizont. Häufig wird ein Konfirmationsspruch oder Lebensvers des Verstorbenen einbezogen.
Gemeinsam wird das Apostolische Glaubensbekenntnis gesprochen. Es folgen Fürbitten für die Trauernden, für den Verstorbenen und für die ganze Gemeinde.
Gemeinsames Vaterunser, abschließender Segen — meist der aaronitische Segen: „Der Herr segne dich und behüte dich…"
Die Trauergemeinde verlässt unter Glockengeläut die Kirche/Trauerhalle und begleitet den Sarg zum Grab.
Am Grab spricht der Pfarrer kurz, meist mit dem traditionellen Segenswort:
„Von Erde bist du genommen, zu Erde sollst du werden. Jesus Christus, unser Herr, wird dich auferwecken am Jüngsten Tag."
Es folgt das gemeinsame Vaterunser. Anschließend werfen die Angehörigen Erde und Blumen auf den Sarg. In manchen Gemeinden wird ein Choral am Grab gesungen oder die Glocken läuten ein letztes Mal.
Wie bei der katholischen Bestattung üblich — die Trauergäste kommen nach der Beisetzung zusammen, um zu essen, sich auszutauschen und der Familie Trost zu spenden. Das Beisammensein ist ein wichtiger Teil des Trauerprozesses.
Einige Elemente machen die evangelische Bestattung unverwechselbar:
In keiner anderen Konfession ist die persönliche Würdigung so zentral wie im evangelischen Trauergottesdienst. Die Predigt verbindet biblisches Wort mit konkreter Lebensgeschichte. Häufig führt der Pfarrer vor der Trauerfeier ein längeres Trauergespräch mit den Angehörigen — oft 1–2 Stunden — um Persönliches zu erfahren.
Eine schöne evangelische Tradition: Der Konfirmationsspruch (ein Bibelvers, den der Verstorbene zur Konfirmation als „Lebensbegleiter" mitbekommen hat) wird oft in die Predigt eingebaut oder auf der Traueranzeige erwähnt. Er dient als Lebensmotto und Erinnerungsanker.
Das gemeinsame Singen ist seit Luther („Lasst uns singen, was wir glauben") ein Grundpfeiler evangelischer Spiritualität. Trauerfeiern enthalten typischerweise 2–3 Choräle, die alle gemeinsam mit der Gemeinde singen.
Beliebte Trauerlieder:
Anders als in der katholischen Kirche dürfen Laien aktiv mitwirken: Verwandte oder Freunde lesen Bibeltexte, halten persönliche Worte oder gestalten musikalische Beiträge. Das macht die Trauerfeier oft sehr individuell.
Die evangelische Kirche ist deutlich liberaler als die katholische, was die Wahl der Bestattungsart angeht — sie hatte nie ein Verbot der Feuerbestattung und steht modernen Bestattungsformen offen gegenüber.
| Bestattungsart | Evangelische Bewertung |
|---|---|
| Erdbestattung | ✓ Erlaubt & verbreitet |
| Feuerbestattung | ✓ Seit jeher erlaubt |
| Kolumbarium | ✓ Erlaubt |
| Waldbestattung | ✓ Erlaubt & oft begleitet |
| Seebestattung | ✓ Erlaubt |
| Anonyme Bestattung | ✓ Erlaubt (nicht bevorzugt) |
| Naturbestattung | ✓ Erlaubt |
| Diamantbestattung | ⚠ Theologisch umstritten |
| Asche zu Hause | ✗ In DE rechtlich nicht erlaubt* |
* Das Aufbewahren der Urne zu Hause ist in den meisten deutschen Bundesländern gesetzlich verboten (Friedhofszwang). Ausnahme: Bremen unter Auflagen.
Eine besonders interessante Entwicklung: Der Evangelische Friedhofsverband hat seine Zustimmung zur Reerdigung gegeben — der ökologischen Umwandlung des Körpers in Humus innerhalb von 40 Tagen. Bisher in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg möglich.
Die evangelische Tradition kennt weniger ritualisierte Trauerzeiten als die katholische — keine Seelenmessen, kein Allerseelen, keine Ablässe. Stattdessen gibt es eigene Formen des Gedenkens.
Der letzte Sonntag des Kirchenjahres (vor dem 1. Advent) ist in der evangelischen Kirche der zentrale Gedenktag. Er heißt offiziell „Ewigkeitssonntag", im Volksmund „Totensonntag". An diesem Tag:
An den Sonntagen nach der Beisetzung wird im Fürbittengebet für die Familie und die Trauernden gebetet — eine schöne Form, die Gemeinde in den Trauerprozess einzubinden.
Viele evangelische Kirchengemeinden bieten Trauergruppen oder „Trauercafés" an — meist 6–10 Wochen nach dem Todesfall. Hier können Hinterbliebene mit anderen Betroffenen sprechen und seelsorgerliche Begleitung erhalten.
Die evangelische Trauersymbolik ist schlichter als die katholische:
Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) umfasst 20 selbstständige Landeskirchen — von der Ev.-Lutherischen Kirche in Norddeutschland bis zur Ev.-reformierten Kirche im Westen. Die Bestattungsordnung (Agende) variiert leicht zwischen den Landeskirchen.
Lutherische, reformierte und unierte Traditionen unterscheiden sich in Details:
In Deutschland gibt es etwa 1.500 evangelische Friedhöfe — meist „Kirchhöfe" rund um die Dorfkirche. Auf evangelischen Friedhöfen ist die Grabgestaltung in der Regel schlichter:
Mitglieder der evangelischen Kirche, die Kirchensteuer zahlen, haben Anspruch auf eine kostenlose kirchliche Trauerfeier. Honorar des Pfarrers und Nutzung der Kirche sind durch den Kirchenbeitrag gedeckt.
Für Ausgetretene oder Konfessionslose kann die evangelische Kirche eine Gebühr von 100 bis 300 € erheben — meist großzügiger gehandhabt als in der katholischen Kirche.
Die evangelische Kirche ist bei Ausgetretenen pragmatischer als die katholische. Viele Pfarrer begleiten ohne Probleme auch Ausgetretene — wenn ein persönlicher Bezug bestand oder die Familie es wünscht. Eine ausdrückliche kirchliche Verweigerung ist selten.
Eine evangelische Bestattung ist tendenziell etwas günstiger als eine katholische — durch schlichtere Liturgie (kein Weihrauch, weniger Mitwirkende) und einfachere Grabgestaltung.
| Kostenposition | Erdbestattung | Feuerbestattung |
|---|---|---|
| Bestatterleistungen | 1.500 – 3.000 € | 1.000 – 2.200 € |
| Sarg (oft schlichter) | 700 – 2.500 € | 400 – 1.200 € |
| Urne (bei Feuerbestattung) | — | 80 – 400 € |
| Kremation | — | 250 – 500 € |
| Friedhofsgebühren (ev. Friedhof) | 1.300 – 4.000 € | 500 – 2.000 € |
| Schlichter Grabstein | 1.200 – 4.000 € | 500 – 2.200 € |
| Trauerfeier für Mitglieder | kostenlos* | |
| Organist (Choralbegleitung) | 80 – 200 € | 80 – 200 € |
| Küster | 30 – 80 € | 30 – 80 € |
| Blumen & Dekoration | 200 – 600 € | 150 – 500 € |
| Trauerkaffee | 200 – 600 € | 200 – 600 € |
| Gesamt (ca.) | 5.300 – 9.500 € | 3.000 – 5.700 € |
* Für Kirchenmitglieder. Für Ausgetretene: 100–300 € Gebühr für die Trauerfeier.
In den meisten Fällen ja. Die evangelische Kirche ist bei Ausgetretenen pragmatischer als die katholische. Viele Pfarrer begleiten Ausgetretene, wenn ein persönlicher Bezug zur Gemeinde besteht oder die Angehörigen es wünschen. In einigen Landeskirchen wird eine kleine Gebühr (100–300 €) für Ausgetretene erhoben. Sprechen Sie das Pfarramt frühzeitig an — die meisten finden eine pragmatische Lösung.
Beide gehören zum evangelischen Spektrum, unterscheiden sich aber: Lutherisch (Tradition Luthers, Mehrheit in DE) — klassische Liturgie, viel Choralgesang, Abendmahl mit echter Gegenwart Christi. Reformiert (Tradition Calvins/Zwinglis, kleinere Minderheit, vor allem im Nordwesten) — noch nüchterner, weniger Schmuck, Abendmahl als Erinnerungsmahl. Bei Trauerfeiern ist der Unterschied gering, in der Liturgie aber spürbar.
Ja, in der Regel schon. Die evangelische Kirche ist hier deutlich offener als die katholische. Persönliche Lieblingslieder des Verstorbenen werden oft akzeptiert — z.B. Bach, klassische Stücke, Volkslieder oder auch sehr behutsam Songs aus der Popmusik („Time to say goodbye", „Amazing Grace"). Wichtig: Die Würde der Trauerfeier soll gewahrt bleiben. Sprechen Sie es vorher mit dem Pfarrer ab.
Das Trauergespräch ist eine evangelische Besonderheit: Der Pfarrer/die Pfarrerin besucht die Angehörigen 1–3 Tage vor der Trauerfeier zu Hause. Das Gespräch dauert 1–2 Stunden. Themen: Lebensgeschichte des Verstorbenen, Lieblingsbibeltext, Konfirmationsspruch, gewünschte Lieder, persönliche Erinnerungen. Aus diesem Gespräch entsteht die Predigt — sie wird also wirklich auf den Verstorbenen zugeschnitten.
Die Aussegnung ist eine kurze evangelische Andacht am Sarg — meist 10–20 Minuten — kurz vor der eigentlichen Trauerfeier oder am Sterbeort. Der Pfarrer spricht ein Eingangswort, liest einen Bibeltext, betet das Vaterunser und spricht den Segen. Es ist die evangelische Entsprechung zur katholischen Vigil, aber deutlich kürzer und schlichter. Die Aussegnung ist kein Sakrament, sondern eine Andacht.
Der Ewigkeitssonntag (auch Totensonntag) ist der letzte Sonntag des Kirchenjahres — kurz vor dem 1. Advent. An diesem Tag werden in den evangelischen Gottesdiensten die Namen aller im vergangenen Kirchenjahr Verstorbenen verlesen, für jeden eine Kerze entzündet. Die Familien sind eingeladen, am Gottesdienst teilzunehmen. Es ist die evangelische Entsprechung zu Allerseelen — aber als Tag der Hoffnung auf die Ewigkeit gefeiert, nicht als Trauertag.
Ja, vollständig gleichberechtigt. Die evangelische Kirche hat seit den 1960er Jahren Frauen als Pfarrerinnen ordiniert. Frauen leiten Trauerfeiern, halten Predigten und nehmen alle pfarramtlichen Aufgaben wahr. Mit Annette Kurschus und Kirsten Fehrs gibt es prominente Bischöfinnen. Bei einer Trauerfeier ist es daher gut möglich, dass eine Pfarrerin die Liturgie leitet — ein deutlicher Unterschied zur katholischen Kirche, die nur männliche Priester kennt.
Klassiker sind: Psalm 23 („Der Herr ist mein Hirte"), Johannes 11,25 („Ich bin die Auferstehung und das Leben"), Psalm 90 (Lebensbilanz), Römer 8,38–39 („Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes"), 1 Korinther 13 („Hohelied der Liebe"). Häufig wird auch der Konfirmationsspruch des Verstorbenen einbezogen. Der Pfarrer wählt im Trauergespräch gemeinsam mit den Angehörigen aus.
Wenn ich auch wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.